LS011 S026Zeitspenden von Helmar Heyken

Der Sommer 2015 hat viele Menschen verändert. Jeden Tag kamen mehr Flüchtlinge nach Deutschland, und die Gesellschaft musste reagieren. Viele entwickelten eine Abwehrhaltung, viele entschlossen sich zu helfen.

Meine eigene Helfergeschichte begann (wie bei so vielen Menschen in Hamburg) in den Messehallen. Dort wurden über Nacht mehr als 1.000 Geflüchtete untergebracht, die meisten von ihnen hatten nur noch das, was sie gerade am Leib trugen. Ebenfalls über Nacht bildete sich in der Nachbarhalle eine Initiative, die Kleidung, Hygieneartikel, Schuhe und Bettwäsche sammelte, sortierte und wieder ausgab.

Jeden Tag kamen die Hamburger in Scharen, brachten ihre Spenden – und viele blieben um zu helfen. So wie ich.

Es war eine unglaubliche Erfahrung. Da standen Anzugträger neben Kopftuchfrauen und Streetfightern und sortierten T-Shirts. Manche waren mal für eine Stunde da, manche wohnten quasi in der Halle.

Nun sind solche Ausnahmesituationen nicht von Dauer, nach einem halben Jahr mussten die Messehallen geräumt werden, heute arbeitet der entstandene Verein „Hanseatic Help“ in kleineren Räumen und professionalisiert sich, da längst nicht mehr so viel freiwillige Helfer kommen.

Aber wenn wir den Menschen bei Infoständen sagen, dass wir aus der Kleiderkammer Messehallen entstanden sind, dann leuchten bei vielen Menschen die Augen. „Oh ja, da war ich auch!“

Ich bin geblieben, als einer der freiwilligen Helfer, als ein Zeitspender.

Zeit zu spenden ist in unserem dicht gepackten Alltag die vielleicht schwierigste Spendenkategorie. Den Kleiderschrank um überflüssigen Ballast zu erleichtern, einige Euros zu spenden – das geht schnell, ist wichtig und gibt ein gutes Gefühl (und ist gesünder als Schokolade essen).

Ohnehin ist Spenden immer ein Geben und Nehmen. Tausche Ware und Geld gegen gutes Gefühl / Gewissen.

Bei Zeitspenden ist es oft komplizierter. Die Tätigkeit selbst ist nicht immer nur lustig und aufmunternd. Wer jemals in der Flüchtlings- und Obdachlosenarbeit tätig war, weiß ein Lied davon zu singen.

Ich finde es daher wichtig, den „Spaßfaktor“ nicht zu vergessen. Ja, wir dürfen Spaß beim Helfen haben! Das sehen die Kritiker natürlich anders: „Die helfen ja nur zur Selbstbefriedigung.“

Manche in den eigenen Reihen sehen das ebenfalls streng: „Wir sind hier nicht zum Spaß machen“. Doch, denn wir sind kein Büßerorden.

Es ist immer wieder gut, sich an den uralten Satz zu erinnern: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Wenn die Zusammenarbeit in der Gruppe klappt, wenn die gesetzten Ziele erreicht werden und wenn die Balance stimmt, dann kann man auch eine anstrengende ehrenamtliche Arbeit über einen längeren Zeitraum leisten. Ich hoffe jedenfalls, dass es in „meinem“ Projekt so bleibt.

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