Abschied von meinem Körper von Luise J.

Ein wunderbarer warmer und stiller Abend löst die Tagesgeschehen ab. Ich bin umgeben von altem Gemäuer, das schon seit vielen Generationen bewohnt wird und irgendwie gibt das Ganze Geborgenheit. Viele Generationen haben sich schon mit dem Sterben beschäftigen müssen, keine konnte dem ausweichen. Vielleicht war ich selber schon in dem Reigen zu einer anderen Zeit? Es war und ist ein Kommen und Gehen - Geburt und Tod.

Nun ist meine Generation aufgefordert, sich mit dem eigenen Gehen zu beschäftigen. Der Zeitpunkt dazu ist individuell, wie auch die eigenen Vorstellungen und Wünsche. Mein Kommen in diese Welt begann mit dem Tod, der durch den Krieg auch in meiner Familie seine Spuren hinterlassen hat. Vielleicht fällt es mir deshalb leicht, über das Thema zu sprechen?

Wer weiß.

Mein Taufspruch "Seid allezeit fröhlich" kommt mir gerade als ein logisches Gegengewicht zu der Kriegszeit vor. Ich habe die vielen Jahre mit dieser Aussage gelebt, das heißt, dass ich sehr auf die innere Freude achte. Und jetzt spüre ich sie besonders bei den Gedanken an meinen Tod. Für "Tod" wähle ich den Ausdruck "Übergang", der passt mir besser. Ich bin überzeugt, dass das Leben unendlich ist und dass sich nur die Daseinszustände ändern. Dieses Wissen ist aus vielen Büchern zu mir gekommen und zu einer Basis für mich geworden.
Und wie möchte ich den Übergang gestalten, was macht mir Freude? Wenn ich meinen Körper verlassen habe, bin ich trotzdem noch da, und ich möchte, dass dies berücksichtigt wird. Ich wünsche mir, dass eine vertraute Freundin sich liebevoll um meinen Körper kümmert und 3 Tage mehr oder weniger in meiner Nähe bleibt. Dieser Gedanke gibt mir jetzt schon viel Geborgenheit. Und ich werde meine Kinder bitten, in dieser Zeit einen Sarg für mich zu zimmern. Ich habe einen Bestatter gefunden, der mir diese Idee gegeben hat. Ich finde sie wunderbar. Nach den 3 Tagen habe ich wahrscheinlich jede Verbindung zum Körper losgelassen, sodass der Bestatter ihn nun in dem selbst gebauten Sarg dem Krematorium übergeben kann.

Ich lebe hier in dem alten Gemäuer und ahne, dass es viele Traditionen gegeben hat, die den Menschen einengten, aber auch Halt gegeben haben. Ich liebe es, aus Traditionen auszusteigen. So gibt es auch keine Predigt und keine schwarze Kleidung. Ich gehe davon aus, dass ich immer noch anwesend sein werde, weil ich das so möchte. Und wenn meine Kinder einen guten Zeitpunkt finden, werden sie Freunde und Verwandte einladen zu einem Beisammensein, zu dem jede Person erzählen kann, was sie mit mir oder durch mich erlebt hat. Das ist dann die "Predigt", bei der hoffentlich viel gelacht wird. Das wird der endgültige Abschied für mich sein und ich werde das "vertraute" Neuland bereisen. Ich fühle fast die Frage nach der Urne. Ja, die wird anonym bestattet oder im Meer versenkt, das überlasse ich den Kindern.

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und Anzeigenschluß
am 03.11.2018