Vom Atheisten zum Staunenden

Wandlung auf dem Sterbebett

Mein Vater war Kriegskind und verlor dadurch den Glauben an das Gute. Mein Vater war auch Kirchenmusiker, vielleicht sein Versuch, um schlimme Erlebnisse mit Hilfe der Musik zu heilen. Aber durch seinen Blick hinter die Kulissen der Kirche verlor er auch hier den Glauben. Denn in seinem Berufsalltag erlebte er, wie Worte von der Kanzel im Alltag zu leeren Hülsen wurden, die Fassade des Heiligen zusammenbrach. Er wurde zum radikalen pessimistischen Atheisten, schließlich Lebensverweigerer. Nach langen Jahren des Rückzugs, auch der Verzweiflung am Erlebten wollte er in 3 Anläufen diesem Leiden selbst ein Ende setzen. Nach dem 3. Suizidversuch erwachte er nach 3 Wochen aus dem künstlichen Koma und erzählte von längst Verstorbenen, denen er begegnet war und die er noch immer im Krankenzimmer sah. Dabei war er sich bewusst, dass sie schon gestorben waren. Auch sah er uns Kinder jeden Tag, obwohl wir weit weg waren.

Wenn ich in früheren Zeiten mit ihm über das „nach dem Leben“ gesprochen hatte, hatte er radikal einem Leben nach dem Tod widersprochen. Damals war er der festen Überzeugung, dass das Leben nach dem Tod enden würde, in einem Nichts.

Nach dem Koma sagte er zu mir, wie seltsam, ja wunderbar es sei, wie wenn ein Schalter in seinem Gehirn umgelegt worden sei. Er würde jetzt alles ganz anders sehen.

Ich las ihm vor aus dem Buch „Heilung im Licht“ und er saugte alles auf wie ein trockener Schwamm, nun sooo bereit. In früheren Tagen hätte er gesagt, ich soll nicht versuchen, ihn zu missionieren. Wir sprachen über die Erfahrungen der Autorin Anita Moorjani. Er war sichtlich berührt, wie wenn er vollständig resonierte mit diesen Erfahrungen – welch eine Wandlung, welch eine Versöhnung noch zu Lebenszeiten, und das durch eigenes Hand-an-sich-legen.

Sterben und Tod sind tabu in unserer Gesellschaft – Suizid ist absolutes Tabu. Und ich durfte erleben, wie sich aus diesem Schrecklichsten ein Wunder gebiert, wie nach jahrzehntelangem Leiden Frieden und Versöhnung einkehrten, bevor er nach einer Herzattacke schließlich gehen durfte. Auch hier konfrontierte uns zunächst das Leben: ein junger unerfahrener Arzt, der nicht in die Akte meines Vaters geschaut hatte, machte Wiederbelebungsversuche, obwohl mein Vater dies in seiner Patientenverfügung ausdrücklich abgelehnt hatte. Durch die Wiederbelebungsversuche fiel mein Vater ins (echte) Koma. Letztendlich schenkte uns Kindern genau dies die Zeit, die wir brauchten, um aus der Ferne von 600 und 800 km anzureisen und uns endgültig von ihm zu verabschieden. So hat selbst der zu „Unrecht“ erfolgte Wiederbelebungs-Versuch im Rückblick seinen Sinn und erscheint sogar als Geschenk.

Wie sich alles wandeln kann! Wie sich Perspektiven, Betrachtungsweisen ins pure Gegenteil verschieben können!

So verwundert es nicht, dass sich mein Vater als ehemaliger knochenharter Atheist auf dem Sterbebett von mir Choräle gesungen wünschte wie „Ein feste Burg ist unser Gott“!

Er nahm mein Singen so präsent in sich auf, wie ich es selten bei ihm erlebt habe. Schließlich wurde – ganz unerwartet – ein uraltes Volkslied zum Ende sein Lieblingslied, das er sich von mir immer wieder gesungen wünschte:

1. Es saß ein klein wild Vögelein auf einem grünen Ästchen.

Es sang die ganze Winternacht, sein Stimm tat hell erklingen.

2. „Sing du mir mehr, sing du mir mehr, du kleines wildes Vöglein!

Ich will um Deine Federlein dir Gold und Seide winden.“

3. „Behalt dein Gold, behalt dein Seid', ich will dir nimmer singen.

Ich bin ein klein wild Vögelein und niemand kann mich zwingen.!“

4. „Komm du herauf aus tiefem Tal, der Reif wird dich auch drücken!“

„Drückt mich der Reif, der Reif so kalt, Frau Sonn wird mich erquicken.“

Welch eine tiefe Botschaft für uns Weiterlebende!

Inzwischen ist dieses Lied auch in meinem Mädchenkreis (ab 11 Jahre) zu einem Lieblingslied einiger Mädchen geworden.

DANKE

(Ayla Barbara Loy)

Nächste Heftthemen

Ausgabe 14 - 01.12.2018
Freiheit
---------------------------------
Redaktionsschluß
und Anzeigenschluß
am 03.11.2018