„Eine Seele, die den Tod unabhängig überleben kann,

muss zuerst bewusst im Leben geschaffen werden. (Gurdjeff S. 91)

Ein einfacher Zettel mit diesen Zeilen hält mich seit Jahren wach. Irgendwann habe ich die Worte abgeschrieben, aus einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe. Jetzt hat mich gerade dieser Zettel animiert, einige Gedanken zu „Tod und Sterben“ aufzuschreiben.

Georges I. Gurdjeff (1866 – 1949), ein griechisch-armenischer Philosoph und spiritueller Lehrer führte in seiner Lehre den „Vierten Weg“ als spirituelle Praxis ein. Er forderte seine Schüler immer wieder heraus: „Ein Buddha überlebt, ein Jesus überlebt, aber du nicht! Du wirst einfach nur sterben und keine Spur hinterlassen – außer du hast deine Seele erschaffen.“
Um „die Seele (zu) erschaffen“ gab Gurdjeff die Anweisung: „Erinnere dich immer wieder an den Beobachter – übe dein Selbst-Gewahrsein.“
Eine Seele, die den Tod des Körpers überlebt … das finde ich spannend.
Berichte von Menschen, die sich während einer Reanimation außerhalb ihres Körpers erleben, Nahtoderfahrungen, Einheitserlebnisse und andere außergewöhnliche Bewusstseinszustände sind inzwischen vielfach veröffentlicht und gehören zum Erfahrungsschatz vieler Menschen, auch von jenen, die nicht intensiv meditieren. Diese Erfahrungen lassen eine Vorstellung davon entstehen, wie es sein könnte, wenn die personale Seele unabhängig vom Körper weiterexistiert und sich nicht einfach in der ewigen Existenz auflöst.

Vor Jahren begegnete mir das schmale Büchlein: „Das andere Totenbuch – eine praktische Anleitung zur Sterbebegleitung“ Der Autor Wulf Mirko Weinreich (*1959), hat sich intensiv mit dem Tibetischen Totenbuch, dem „Bardo Thödröl“, (übersetzt: „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“) befasst.

Das Tibetische Totenbuch, eine buddhistische Schrift aus dem 8. Jahrhundert, gehört zu den großen Weisheitsbüchern der Menschheit. Die Texte beschreiben die Erlebnisse der menschlichen Seele beim Sterben, im Nach-Tod-Zustand und bei der Wiedergeburt. Sie dienen dazu, die Seele eines Sterbenden oder eines Verstorbenen durch die Zeit der Bardo-Existenz, des Zwischenzustandes zwischen Tod und Wiedergeburt, zu führen. Eine vertraute Person liest diese Texte und spricht dabei den Sterbenden oder den Verstorbenen direkt an. Der Text beschreibt, wie die Seele das Licht der Erlösung und die Projektionen des eigenen Geistes erkennen und den Kreislauf der Wiedergeburten verlassen kann. Diese Anweisungen sind natürlich in der symbolischen Sprache des tibetischen Buddhismus geschrieben. Westliche Menschen finden dazu nur mühsam Zugang. Darum entschloss sich Weinreich auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen mit dem Sterben und mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, eine eigene Anleitung zu schreiben. Entstanden ist eine leicht verständliche Vorleseschrift in der Sprache und der Vorstellungswelt des westlichen Menschen. Sein Text gibt nicht nur der sterbenden Person Orientierung, sondern kann auch für den Vorlesenden zu einer Quelle ganz neuer Sichtweisen – und auch neuer Erfahrungen - werden.

Dieter, ein langjähriger Weggefährte auf dem spirituellen Schulungsweg, beschreibt seine Erfahrungen so: „ Im Mai 2011 - nach der Hinrichtung Osama bin Ladens durch ein US amerikanisches Sonderkommando und der sofortigen Versenkung des Leichnams im Meer, war ich von der rigiden Art , mit einem Menschen umzugehen, sehr betroffen. Ich begann gleich am nächsten Tag mit dem Versuch einer ungewöhnlichen Sterbebegleitung mit Hilfe des „ Anderen Totenbuches“, das ich gerade zur Hand hatte. Eine Visualisierung Osamas gelang: Es stand vor mir ein sehr bleicher Mensch mit Bart. Er betrachtete mich und ich ihn und nach einigen Minuten bekam die Vision Farbe und ich bekam den Mut, ihn zu fragen, ob er mit einer Sterbebegleitung einverstanden sei. Er antwortete nichtwörtlich, doch die Vision kam noch etwas näher und wurde menschlicher. Ich nahm dies als Einverständnis. So begann ich die, für diese Situation und angegebenen Zeitpunkten vorgesehenen Texte laut vorzulesen. Das machte ich täglich zwei bis drei Mal. In mir entstand eine wundersame Offenheit und Friedlichkeit. Ich sprach zu ihm und ich hatte den Eindruck, dass er zuhörte - über die ganzen 40 Tage! Ich fühlte mich mit der Welt verbunden: Länder -, kultur-, religions – und sprachübergreifend. Am Ende verabschiedete ich die Vision in Frieden. Durch diese Aktion hatte ich eine Transformation erlebt. Ich war nun ein Weltbürger mit Handlungsmöglichkeit. Diese Erfahrung hat sich tief in mir eingeprägt und wirkt noch heute. „

Meine eigenen Erfahrungen mit dem Vorlesen des Textes sind weniger spektakulär und doch auch tiefgehend. Durch das Vorlesen konnte ich über einen 40-tägigen Zeitraum noch eine Verbindung zu dem geliebten verstorbenen Menschen aufrechterhalten und ihn dann leichter frei lassen. Das Lesen hat in mir Vorstellungen entstehen lassen, die mich freudig-neugierig gemacht haben auf diesen Transformationsprozess, diesen Übergang, den wir Tod nennen und der auf uns alle am Ende unseres Lebens wartet. Und ich wünsche mir, dass sich jemand findet, der sich bereiterklärt, meine Seele beim Sterben und im Tod durch Vorlesen des „Anderen Totenbuches“ zu begleiten.

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