Lieber Bruder,

Nun ist es schon über 20 Jahre her, dass du diese Welt verlassen hast.

Du hast dies ganz bewusst und mit sorgfältiger Planung getan, denn diesmal sollte dir nichts dazwischen kommen, so wie damals bei deinem 1. Versuch. Da warst du 18 Jahre alt und ich 12 und verstand nicht viel von dem, was da passiert war. In unserer Familie waren wir sehr geübt darin, über Dinge nicht zu sprechen. Klar war nur, dass du die Abgase in das Auto geleitet, du das jedoch überlebt hattest.
Warum du das wohl getan hast? War es der Druck, der auf dir als Stammhalter lastete? Oder gab es irgendwelche anderen Dinge, von denen ich nichts weiß? Oder gab es vielleicht gar keinen fassbaren Grund?
Für mich warst du bis dahin der ganz große Bruder, der meist seine eigenen Wege ging. Wenn du mal in meiner Welt warst, dann habe ich dich als irgendwie strahlenden Jungen in Erinnerung, der oft witzige Sachen machte.
Doch nach dem Selbsttötungsversuch wurde alles anders. In meiner Erinnerung warst du sehr lange weg und danach sehe ich dich vor allem mit dem mühsamen Versuch beschäftigt, durch Aufschreiben und eine Unmenge von Zetteln das stark beschädigte Kurzzeitgedächtnis zu ersetzen. Dein Strahlen hatte sich für mich in graue, verunsicherte, angespannte Nebelschwaden verwandelt. Oder kam nur etwas zum Vorschein, was immer schon in dir gesteckt und nur gut verborgen gewesen war? Oder vielleicht sah ich es erst jetzt?

Unsere Lebenswege liefen in unterschiedliche Richtungen. Von ferne verfolgte ich mit Bewunderung, wie du mit unglaublicher Disziplin trotz deiner Behinderung das Abitur nachholtest. Insgeheim dachte ich jedoch auch: Warum quälst du dich so sehr damit ab – muss das wirklich sein? Ich hoffe sehr, dass du auch viele glückliche und gute Zeiten in diesen Jahren hattest.
An das einzige Mal, bei dem wir etwas direkter miteinander sprachen, erinnere ich mich noch sehr gut, deine Worte haben sich mir eingebrannt: „Ich fühle mich wie ein Stück Holz, das im Wasser treibt – ohne Antrieb, ohne eigene Richtung“. Dass du ständig Ängste hättest und keinen Kontakt zu deinen Gefühlen. Und doch gelang es dir später, eine liebevolle Partnerin zu finden, die zu dir hielt! Du warst wohl Ende 40, als ich dich ein einziges Mal bei dir zuhause besuchte und zutiefst erschreckt feststellte, dass du dich zu einem Messie entwickelt hattest. „Ich sammle so gern beim Sperrmüll – aber ich schaffe es nicht, mich zu entscheiden und irgendetwas wieder auszusortieren.“ Ich war einfach nur hilflos angesichts dieses Chaos.

Und dann, als du auf die 50 zugingst, warst du doch ganz konsequent und entschieden. Es hat mich zutiefst gerührt, dass du für deine Freundin in deiner letzten Stunde ein Tonband hast mitlaufen lassen. Ich weiß, wie wichtig es bei ihrer mühsamen Bewältigung ihres Schocks und ihrer Trauer für sie war, dass du nicht gelitten hast und dass sie es nicht hätte verhindern können.
Lieber Bruder, ich finde, dass du dich heldenhaft den Anforderungen des Menschseins so lange, wie es dir möglich war, gestellt hast. Und dann bist du gegangen. Ganz konsequent. Unsere Schwester erzählte, dass sie deine Seele ins Licht begleitet hätte und dass es dir gut ginge. Ja, das glaubte und fühlte ich.
Ich denke an dich voller Respekt für dein Leben und für dein Sterben. Du hast mich gelehrt, dass das Sterben jedes Einzelnen genauso individuell ist wie sein ganzes Leben. Und dass der Weg, sich selbst das Leben zu nehmen, auch ein Weg sein kann, der Frieden bringt.

Ich habe dich kaum kennengelernt als Mensch, du bliebst mir verschlossen. Das macht mich traurig, wenn ich daran denke. Und doch: Gerade jetzt fühle ich mich dir sehr nah. Ich fühle dich in meinem Herzen, ganz unbeschwert und leicht. Da ist wieder dein Strahlen und auch dieser kleine Schalk im Nacken, den ich früher manchmal von dir erhaschen konnte…

In Liebe, deine (kleine) Schwester

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