LS013 image186Keine Wiederbelebung! von Christine Seeburg

Karin ist strahlender Mittelpunkt Ihrer Feier zum 75. Geburtstag, sie hat zum Brunch eingeladen und ein großer Freundeskreis erweist ihr die Ehre. Gegen Nachmittag, die Runde löst sich langsam auf, kommt die Gastgeberin an unseren Tisch und bittet Maren und mich, nach der Veranstaltung noch ein wenig zu bleiben, sie möchte etwas sehr Persönliches mit uns besprechen. Als Ruhe eingekehrt ist, setzt sie sich zu uns.

"Ihr Lieben, mit Mitte fünfzig seid Ihr meine jüngsten Freundinnen, auch deshalb möchte ich mit meinem Anliegen an Euch herantreten. Maren, Du bist Heilpraktikerin - Christine, Du Sozialarbeiterin - in gewisser Weise ergänzt ihr euch, uns drei verbindet der Zugang zur Spiritualität. " Die Stimmung wird ernster.

"Mit meinen 75 Jahren befinde ich mich nun unweigerlich im letzten Viertel meines Lebensbogen. Älter als Hundert werde ich keinesfalls"! fügt sie hinzu. "Unsere westliche Gesellschaft ist im Hinblick auf die Vergänglichkeit des Lebens geprägt von Angst und Verdrängung; dabei gehört der Tod zum Leben, ich denke, sogar als Dach aller Religionen und Glaubensrichtungen".

Ich schaue bedrückt zu Maren, was mag jetzt kommen? Ist unsere Freundin schwer krank, vielleicht bereits dem Tode nahe??

"Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch bereit erklären könntet, meine Vorsorgevollmacht zu übernehmen, für den Fall, dass ich in einen Zustand gerate, in dem ich nicht mehr im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte wäre. Ausserdem habe ich eine Patientenverfügung vorbereitet und detailliert ausgeführt, was mein Wille im Falle eines dauerhaften Komas oder des Sterbeprozesses ist. Ich habe mich genau informiert über lebensverlängernde Maßnahmen und darüber, mit welchen Methoden sterbende Patienten teilweise nicht aus dem Leben 'entlassen' werden. Oft gesteuert von Angst, Unerfahrenheit, dem hippokratischen Eid, aus Profitgründen, oder einer Mischung aus alldem. Ich will meinen Tod sterben- die Seite unbehelligt wechseln dürfen- wenn es soweit ist; auch wenn ich mich selbst nicht mehr mitteilen könnte."

Karin legt je ein Exemplar ihrer Verfügungen vor uns auf den Tisch.

"Vielleicht mögt ihr es mal in Ruhe durchlesen und darüber nachdenken; in vier Wochen treffen wir uns wieder. Mir ist durchaus bewusst, dass der Ernstfall eine große Herausforderung bedeuten würde, deshalb möchte ich zwei Personen bevollmächtigen. Es wäre nicht in meinem Sinne, dass ein fremder Mensch meine rechtliche Betreuung übernimmt, der mir ebenso unbekannt ist, wie ich ihm. Unserer Freundschaft tut es keinen Abbruch, wenn ihr Euch nicht zur Übernahme bereit erklären könnt. Seid bitte ehrlich, euch selbst und mir gegenüber, dass zeichnet unsere aufrichtige Beziehung zueinander aus. Schließlich geht es hier nicht um ein gemeinsames Urlaubsziel“ fügt sie augenzwinkernd hinzu. Lachend fährt sie fort, „und mit 90 schenke ich mir eine Tätowierung auf dem Brustkorb zum Geburtstag!“

"Also Karin" wirft Maren ein "noch bist Du aber im Vollbesitz Deiner geistigen Kräfte, oder?"

"Nicht wiederbeleben, ich bin über 90 Jahre alt!" unterbricht diese unser Gelächter. "Wie bitte?" ich verstehe nicht. "Das wird mein Tattoo; damit kein Notarzt meint, meinen Körper wiederbeleben zu müssen bis die alten Rippen brechen, falls ich das Glück habe 92jährig mit der Nase voran, hirntot in meinem Gemüsebeet zu liegen, unter mir die Mutter Erde und über mir das -meine Essenz empfangende- Universum. Ich will nicht bewusstlos, umgeben von Hightech Medizin, auf der Intensivstation liegen, bis meine Verfügung durchgesetzt ist.

Wenn meine Zeit gekommen ist, dann wünsche ich mir, ohne Umwege ins Licht gehen zu können. Loslassen ist das Zauberwort."

Nachdenklich mache ich mich auf den Heimweg. Eine radikale Pionierin war Karin schon immer, aber die Sache mit der Tätowierung schockiert mich ein wenig.

Meine Recherchen im Internet ergeben, dass diese Form den letzten Willen kundzutun gar nicht so außergewöhnlich ist.

Mögen das Alter, Sterben und der unausweichliche Tod wieder als ein natürlicher Prozess akzeptiert werden; auch ohne ein Tattoo auf der Brust! Vielleicht gelingt es, wenn immer mehr Menschen aufeinander zugehen und offen über das Sterben sprechen - so wie Karin es tut. Vielleicht trägt Aufklärung und Gemeinschaft zur Stärkung einer würdigen Sterbekultur bei.

Es ist mir eine Ehre für meine Freundin die zu Vollmacht übernehmen und im Notfall, alles in meinen Möglichkeiten stehende zu tun, um ihre Wünsche durchzusetzen.

Vor allem aber hoffe ich von ganzem Herzen, dass uns noch viele gemeinsame, glückliche und das Bewusstsein erweiternde Jahre geschenkt werden…

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am 03.11.2018