Meine Grabrede

Eine tief beeindruckende Begegnung mit dem Tod „ereilte“ mich im Rahmen einer Seminarwoche. Wie aus heiterem Himmel hieß es plötzlich: „Euch bleibt eine Stunde Zeit, die eigene Grabrede zu schreiben. Was möchtet ihr euren Hinterbliebenen mitteilen?“

Ein letzter Gruß vor meinem Tod? Ich brauchte eine Weile, um mich in dieses Thema einzuschwingen. Es kam so plötzlich! Mit einem Mal floss es nur so aus meiner Feder heraus…..

Ihr Lieben!

Jetzt - da ich nur noch kurz für euch sichtbar bin, möchte ich mich bei all jenen bedanken, die mein Leben geteilt haben. Rückwirkend betrachtet, war es eine große Freude, all die großen und kleinen Abenteuer gemeinsam mit euch zu erleben. Meinen Eltern danke ich dafür, dass sie mich ins Leben gebracht und mit viel Arbeitsfreude, gemeinsamen Umzügen und einer immer größer werdenden Familie doch immer alle „satt“ bekommen haben und sogar noch die Kraft hatten, ein eigenes Heim zu bauen. Meiner eigenen Familie sage ich Dank für ihr Dasein und das Erlebnis, länger an einem Ort zu wohnen, sodass meinen Kindern die Chance auf einen von klein auf gewachsenen Freundeskreis möglich war. Ich stelle heute fest, dass ich sehr bemüht war, immer alles zu schaffen und für alle zu sorgen; wodurch ich teilweise den Raum der anderen begrenzt und Bedürfnisse nicht gesehen habe. Ich habe wohl zu oft versucht, eine schnelle Lösung in schwierigen Situationen zu finden, statt liebevoll unterstützend für euch da zu sein. Heute sehe ich, wie wichtig diese gemeinsam durchlebten Prozesse sind, wie sehr sie Menschen miteinander verbinden und für gegenseitiges Vertrauen sorgen. Verzeiht mir bitte, ich hatte oft nicht den Mut, meine Emotionen und Empfindungen frei auszusprechen. Zu viele stark besetzte Erinnerungen waren damit verknüpft. Hätte ich noch einige Zeit mit euch gemeinsam, würde ich an meinem authentischen Selbstausdruck arbeiten und einen großen Schwerpunkt auf gemeinsame Prozesse legen. Doch ich möchte euch auch sagen, dass ich euch liebe und euch auch nach meinem Tod weiterhin begleite. Fühlt euch umarmt und gedrückt, lebt euer Leben, verwirklicht eure Träume, zeigt Emotionen, kommuniziert offen und ehrlich und traut euch, das Abenteuer eures Lebens zu verwirklichen. Das wünsche ich ebenso all meinen Freunden und Wegbegleitern aus den unterschiedlichsten Lebensabschnitten. „Und wenn es regnet: springt die Pfützen leer“ :-)

Ciao, in Liebe, Johanna

…und dankbar für diese Möglichkeit begab ich mich wieder in den Seminarraum. Dort wartete die nächste Überraschung: Auf ein Totenlager gebettet und von Kopf bis Fuß in ein Laken gehüllt, „erlebte“ ich im Kreis meiner Seminarkolleg(inn)en, wie bei leiser Musik meine letzten Worte vorgelesen wurden. Plötzlich durchströmten mich Wellen des Schmerzes und Bedauerns. Warum hatte ich all dies nicht schon zu Lebzeiten kommuniziert? Das alles verstärkte sich noch, als ich im anschließenden „Küchengespräch“ den Worten meiner „Trauergemeinde" lauschte. Mit dem Lüften des Leichentuches kehrte ich sehr bereichert durch diese Erfahrung zurück ins Leben.

Nächste Heftthemen

Ausgabe 17 - 01.09.2019
Wandel
----------------------
Redaktionsschluß
und Anzeigenschluß
am 31.07.2019