LS013 image203Flieg, Seele, flieg von Holger Stenkamp

Die kostbare Zeit zwischen Tod und Bestattung

Dienstags stehe ich auf dem Wochenmarkt in Plön und verkaufe frisch zubereiteten Kaffee.

Falle ich dort tot um, werden die Kollegen und Marktbesucher sagen: "Da liegt Herr Stenkamp, tot". Sähen dieselben Leute meinen Leichnam fünf Tage später, käme keiner mehr auf die Idee, dass ich dort liege, sondern alle würden nur noch meine Hülle sehen. Aber wo bin ich? Was ist passiert? Wann ist es passiert? Hat wer etwas bemerkt? Fast alle Menschen auf der Welt glauben beim Tod an eine Trennung des Körpers von etwas, was wir gemeinhin als Seele bezeichnen. Keiner kann es beweisen, aber auch nicht das Gegenteil. Keiner weiß, wie oder wann die Seele sich aufmacht. Reste von alten Ritualen im Unterbewusstsein lassen uns in der Todesstunde die Fenster öffnen und eine Kerze entzünden. Und dennoch werden die Verstorbenen schon nach wenigen Stunden von Bestattern abgeholt und in die Technik gebracht, warten in der Kühlung in einem Keller auf die Bestattung, vielleicht noch auf eine Trauerfeier davor. Ich vermag nicht zu glauben, dass sich meine Seele in dieser Situation wohlfühlen und leichtens sich lösen kann. Noch glaube ich nicht, dass die Seelen der Zurückgebliebenen damit einverstanden sein können.

Wie wir mit dem Tod umgehen, ist unsere Entscheidung. Nicht die einer Glaubensgemeinschaft, nicht die der Tradition, nicht die der Nachbarschaft, nicht die des Bestatters. "Wenn ich gewusst hätte, was ich hätte machen können, wäre ich aktiver gewesen" ist eine Aussage, die ich oft über vergangene Todesfälle höre. Gemeint ist damit aber nicht ein hektischer Aktionismus, der sich in den Neukauf von schwarzen Schuhen und dem Organisieren eines Friseurtermin kurz vor der Trauerfeier erschließt. Raum und Zeit sind hier die wichtigsten Faktoren. Die verstorbene Person und die Zurückgebliebenen brauchen eine geschützte Umgebung, um das gemeinsame Leben langsam ausklingen zu lassen, um die Seelen sich verabschieden zu lassen. Die Bestattungsgesetze lassen auch eine längere Aufbahrung zum Beispiel zu Hause, auch nach einem Tod in einem Krankenhaus, zu.

Bei dem Verstorbenen bleiben, zur Ruhe kommen, eine Kerze anzünden. Es ist die kostbare Zeit, die nun kommt, es gibt sie nur einmal und sie ist spannend. In einer freundlichen Umgebung wird bestimmt eine innere Zwiesprache entstehen. Versäumtes und ungelöstes in der Beziehung darf noch einmal Platz haben, ebenso die vielen guten Erinnerungen. So können Gefühle und Wünsche für die weitere Zeit wahrgenommen werden. Vielleicht soll für die Verstorbene noch eine Decke genäht werden oder ein Portrait gezeichnet, der Sarg mit Fotos beklebt, die Liebesbriefe unters Kissen gelegt, der Sarg mit Rosen aus dem Garten ausgekleidet, das Lieblingslied gespielt, die Flasche Likör geleert, die Tür endlich geölt, das Licht repariert werden. Ideen für eine wahrhaftige Trauerfeier entstehen, die Beisetzung nimmt Formen an. Und in dem ganzen Dasein und guten Tun wird vielleicht der besonderer Moment kommen, in dem klar wird: "Jetzt ist sie gegangen, jetzt ist es gut". Der Sargdeckel kann geschlossen werden.

Flieg, Seele, flieg.

 

Nächste Heftthemen

Ausgabe 14 - 01.12.2018
Freiheit
---------------------------------
Redaktionsschluß
und Anzeigenschluß
am 03.11.2018