Erfahrungen eines Klinikclowns auf einer Palliativstation

Wenn ich mir nach dem Umziehen die „rode Nase“ aufsetze, bin ich automatisch in einem anderen Space. Dann fühle ich mich sicher und geborgen in meinem so-sein, wie ich gerade bin. Dann ist mein innerer Scanner auf „on“ und ich gehe los, immer mit der Haltung: „Ich habe keine Ahnung (warum etwas geschieht)!“ Diese innere Haltung gibt mir die Freiheit, alles anzunehmen was mir begegnet. Als Clown will ich von niemanden etwas. Das mag auch der Grund sein, warum die Menschen auf der Station mir als Clown oft vertrauen und mir (sehr intime) Dinge erzählen, die sie sehr beschäftigen. Natürlich wird auch gewitzelt und gelacht oder gestaunt, wenn ich etwas zaubere.

„Rühre dich nicht, bevor du berührt bist!“, das waren die Worte meines Clownslehrers, die mir sehr eingänglich waren. Oft wird dieses Berührtsein zwischen uns zum Beispiel durch ein Lied ausgelöst: „Nun bin ich schon über 74 und plötzlich fange ich hier an zu weinen, das habe ich nie gemacht.“ „Endlich! Das ist wunderschön“, war meine spontane Antwort und dann habe ich den alten Mann in den Arm genommen und wir haben beide ganz still nebeneinander gesessen, bis das Schluchzen vorüber war. Das war ein schöner Moment - für uns beide.

Einmal kamen wir auf ein Zimmer, auf dem ein junger Mann lag, Anfang 30. Sein Vater saß am Bettende, verzweifelt, schier untröstlich: „Ich schaffe das nicht, mein Sohn soll nicht sterben.“ Der Sohn vertraute mir Clown jedoch nach nur 5 min an, dass er sterben möchte. Er war also in dem Konflikt mit seinem Vater gefangen, der ihn überhaupt nicht gehen lassen konnte. Wir schauten uns an, ich nahm seine Hand und ganz spontan kam es tief aus mir heraus, leise, dass der Vater es nicht hören konnte: „Du darfst gehen.“ Ich gab ihm als Clown, also als der Mensch, dem er in dem Moment vertraute und der absolut nichts von ihm wollte (!), die Erlaubnis zu sterben. Dem Vater sagte ich dann beim Verabschieden, dass er das schaffen wird, den Tod seines Sohnes zu überstehen. Wie ich dann etwas später erfahren habe, ist dieser junge Mann 36 Stunden nach unserem Besuch „gegangen“. Ich habe begriffen, wie wichtig es ist, die eigenen Ängste und Vorstellungen über Sterben und Tod loszulassen und jemandem das Sterben(wollen) zuzugestehen. Damit gebe ich den Betroffenen wie den Angehörigen einen Teil ihrer Würde und Selbstverantwortung zurück.

Eines Tages hatte ich eine liebevolle Begegnung mit einer Frau, Anfang 40, die dem Sterben sehr nah war. Ich spielte ein Lied für sie und wir teilten einen warmen, berührenden Moment miteinander. Auf dem Weg nach Hause kamen mir dann diese Zeilen und eine passende Melodie dazu:

Ich schenk dir meine Liebe, ich schenk dir mein Sein,
in diesem Moment, für diesen Moment.

Ich bin bei dir, du bist nicht allein,
in diesem Moment, für diesen Moment.

Ich schau dir in die Augen, berühre sanft dein Herz,
in diesem Moment, für diesen Moment.

Dieses Lied drückt für mich genau das aus, was ich in den etwa 10 Minuten bei ihr im Zimmer erlebt habe und wie ich meinen Einsatz als Klinik-Clown empfinde.

Ich habe diese Frau nicht wieder gesehen, ich hätte ihr das durch unsere Begegnung entstandene Lied gerne einmal vorgesungen – Danke für diese Begegnung.

Rainer Lichterstein

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am 31.07.2019