"Frei, wie eine Hexe" von Kerstin Butenschön

Ich bin Kerstin und seit 8 Jahren weiß ich, dass ich eine Hexe bin. Ich las damals ein Buch über Schamanismus, weil ich mich für einen Kurs anmelden wollte. Zum Schluss folgte noch ein Abschnitt übers Hexentum und sofort stiegen in mir Bilder von Hänsel und Gretel und der bösen Hexe auf, gefolgt von Teufelsanbetung und ähnlichem. Aber stattdessen las ich da von Licht und Liebe, von Liebe zur Natur und Mutter Erde, vom Sternenhimmel und der Mondin, von Freiheit und Eigenverantwortung. Ich zeigte den Text meinem Mann und er sagte: Das bist du.

Und ich wiederholte: Ja, das bin ich, eine Hexe.

Nun ist es nicht sehr populär, eine Hexe zu sein und darum ist es richtig schwierig, andere Hexen zu finden. Schamanen fand ich dutzende in meiner Umgebung, Hexen jedoch nicht. Ich beschloss, eine freie Hexe zu werden und mich selbst auf meinen Initiationsweg zu machen.

Als Erstes begann ich eine Schamanenausbildung, um Grundlagen zu lernen. Und schon sehr schnell fing ich an, eigene Rituale zu entwickeln, ich fand zu meiner eigenen Magie und zu meinen eigenen Heilkräften.

Dieses Jahr zu Mittsommer stand ich ganz alleine auf einem Hünengrab.Keine meiner Freundinnen hatte Zeit. Um mich herum standen dafür abwechselnd große Buchen und kleinere Weißdörner im Kreis, ein starker Wind, fast ein Sturm, blies von Westen und im Osten blickte ich auf einen großen, langgestreckten See. Beim Auslegen der Elemente fürs Ritual stockte ich plötzlich. Ein schöner Stein für Mutter Erde im Norden, kein Problem. Eine Sonnenblume im Süden fürs Feuer, für eine Kerze war es diesen Sommer zu trocken, auch ok. Aber als ich die mit Wasser gefüllte Muschel in den Westen legen wollte, blies mir der Wind eine starke Bö ins Gesicht und ich verstand. Heute gehört das Wasser in den Osten in Richtung des Sees und die Federn in den Westen in die Richtung des Windes. Es wurde ein wunderschönes, kraftvolles Ritual und ich dankte für die Lehren.

Im Hexentum gibt es kein Buch, in dem steht, was richtig oder falsch ist. Da ist auch niemand, der dir deine Sünden vergibt oder der dir eine Schuld abnimmt. Stattdessen schreibst du dein eigenes Buch über deine Erfahrungen, über deine Zauber und Magie und deine Lebenslehren. Der wichtigste überlieferte Hexenspruch lautet:

Tue, was du willst, aber schade niemanden.

Dies bedeutet für mich, ich habe die Eigenmacht und die Freiheit, das zu machen, was ich will und ich allein trage die Verantwortung dafür.

Schon häufig stand ich in meinen Leben an Kreuzungen: auf der einen Seite die Angst, auf der anderen die Liebe. Für mich gehören Freiheit und Liebe zusammen. Wahre Liebe ist frei, wahre Liebe lässt frei. Wenn ich aus Angst meine Kinder an mich binde und sie nicht ins Leben schicke, dann ist dies keine Liebe. Also bin ich mutig und stell mich meiner Angst und liebe die Freiheit.

Viele meiner Freunde und Verwandte sagen, ich sei keine Hexe. Ich sei eine Heilerin, eine Kräuterexpertin, eine Weise vielleicht noch eine Zauberin. Aber dies stimmt nur zum Teil.
Also bin ich mutig und sage: Ich bin eine Hexe.

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