"Trau dich, frei zu sein" von Iris Brentjes

Frühjahr. Scharbeutz, sonniger Nachmittag. Eine Freundin und ich, wir stehen mit unseren Kindern eisessend ans Geländer des Strandzugangs gelehnt.

Da seh ich ihn: bloßer, durchtrainierter Oberkörper, Jeans, barfuß, er schlägt Räder an der Wasserkante und macht andere zahlreiche Akrobatik und singt – während wir alle in unseren dicken Winterklamotten zuschauen. Ich kann ihm seine Freude an seinem Erleben im Gesicht ablesen und bin fasziniert.

Kommentar einer Passantin: Der spinnt!

Ich hatte noch gar nicht richtig überrissen, dass er es wirklich nur für sich tut. Dachte, vielleicht gehört er zu einem Zirkus und macht Werbung… Aber er blieb für sich.

Und ich fand es unglaublich toll, dass er sich traute, so offen vor aller Augen zu tun, wonach ihm in diesem Moment war. Er war einfach in seiner Welt. Er nahm mit niemand Blickkontakt auf. Das war nicht seine Intention. Es kribbelte mich, mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch jetzt war der Zeitpunkt ungünstig.

Dann sah ich ihn im Laufe des Jahres noch einige Male, immer sommerlich bekleidet. Bei 10 Grad Celsius im Kurzarm-T-Shirt 😉 Meist war er mit seinem Fahrrad unterwegs. Immer alleine. Nie habe ich ihn im Gespräch mit jemandem gesehen und oft hätte ich gern mehr über ihn erfahren, woher er kommt, weshalb er so lebt… Doch ich hatte immer so‘n bisschen Manschetten, ihn anzusprechen. Mit meiner sonst so offenen Art hab ich mich manchmal schon auf etwas eingelassen, dass ich dann nicht mehr so leicht ‚abschütteln‘ konnte, wenn ich es wollte.

Heute würde ich ihn ansprechen. Es wissen wollen. Als ich in einem Freundeskreis fragte, ob ihn jemand nochmal gesehen habe und von ihm erzählte, kam mir die Erinnerung hoch, dass ich in meiner Jugend mitten im Winter, selbst wenn das Meer in Timmendorf Eisschollen ans Ufer schob und der Strand schneebedeckt war, mein Bad im Meer genommen habe. Es waren Tage, an denen ich wusste, Körper, Geist und Seele sind sich heute einig und wollen mit der Natur verschmelzen. Und es war immer unbeschreiblich schön, erneuernd, kräftigend, befreiend! Ich kannte es auch, dass ältere Frauen (so mein Alter jetzt 😉) im dicken Pelzmantel unkten, ich würde schon sehen, was diese Dummheit brächte, ich liefe Gefahr, eine Blasenentzündung zu bekommen oder ähnliches. Das Bad im Eismeer bewirkte in mir immer das Gegenteil dieser Prophezeiung 😊 Heute wünsche ich mir, diese Energie, diesen Drang, mich dem Wasser anzuvertrauen, wieder zu spüren und ihm nachzugehen. Ich ‚arbeite‘ dran.

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