Freiheit macht Angst - Rainer Lichterstein

Dieser kurze Satz fiel heute in der Redaktionssitzung und blieb in mir hängen …

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Film, in dem ein Hund gezeigt wurde, der sein ganzes Leben in einem Käfig verbracht hatte. Nach 10 Jahren wurde der Käfig geöffnet, aber das Tier verließ den Käfig nicht! Er blieb im Käfig und wurde so zu einem freiwillig Gefangener!

Mich hatte diese Geschichte damals (1998) sehr berührt und ich habe viel geweint - es war mein Lebensgefühl: Ich fühlte mich gefangen in einem offenen Gefängnis, unfähig daraus zu kommen. Meine Angst war riesig, eigene Schritte zu wagen und meine Freiheit zu erkunden. Gleichzeitig war der Film der Startpunkt meinen eigenen Weg zu gehen, ja wirklich gehen zu wollen.

15 Jahre später lief ich im Rahmen meiner Clownsausbildung, rechts eine Bananenschale am Band hinter mir her ziehend und in der linken Hand eine leere (!) Plastiktüte schwenkend, durch die mehrere Kilometer lange Fußgängerzone der Frankfurter City! Jeder hatte sich ein Tagesmantra ausgewählt und meines war: „Das macht mir Spaß“. Das war der einzige erlaubte Satz! Spaß? Von wegen! „Du! (Ich!)“ „Ehemaliger Lehrer!“ „Über 60!“ „Was die Menschen bloß von mir denken“, waren damals meine fast einzigen Gedanken. Die Blicke und Reaktionen, die ich „erntete“ sagten „alles“ (über mich aus). Von Kopfschütteln, sein Kind von mir wegreißen bis zu Vorwürfen und immer nur die eine Antwort: „Das macht mir Spaß!“

Ich habe es damals geschafft, dieses Szenario gut eine Stunde aufrecht zu erhalten! Mein Tagesmantra „Das macht mir Spaß!“ hatte, so war ich überzeugt, mir ohnehin keiner geglaubt. Aus meiner Perspektive heute auch kein Wunder, denn ich hatte wirklich keinen Spaß, es war eine Qual für mich, ich hatte nur Gefühle der Scham, der Zweifel, Selbstkritik, also selber kaum andere Gedanken im Kopf. Außerdem war es uns übrigens untersagt, irgendetwas in der Stunde zu kaufen, also auch unser „Equipment“ mussten wir uns erbetteln.

Erst viele Wochen später, als ich anderen darüber erzählt habe, stellte ich fest, dass das Erzählen mir Spaß machte und dass diese Aktion mich damals heftig aus meinem Angstkokon herauskatapultiert hat! Wow!

Mir ist fühlbar geworden, dass es darum geht, den Mut und das Vertrauen aufzubringen, meine eigenen Schritte zu gehen. Und seien sie auch noch so klein, sie sind immer ganz, ganz persönlich, individuell. Erst wenn ich die „Gitterstäbe“ in mir fühle, weiß ich ja wo mein inneres Gefängnis aufhört. Bin ich bereit für den nächsten Schritt? Es ist immer meine Entscheidung! Ich kann mich nur selber befreien. „Du bist so frei, wie du dich selber lässt!“ heißt es im Song „Jetzt“ von Julia Engelmann - yeah!

 

Heute nehme ich mir z.B. die Freiheit, mit zwei unterschiedlich farbigen Socken durch die Stadt zu laufen - und die Blicke der Menschen - machen mir heute Freude und Spaß

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