Freiheit – die Steigerung von Tod und Sterben

Als Kind war es das Größte für mich, durch Schnee zu laufen. Wir fuhren sonntags oft in den Schwarzwald. Hier gab es schönen Schnee, doch sollte ich auf der geräumten Spur bleiben und nicht in den tiefen Schnee gehen…

Anfang 2005 entschied ich spontan am Samstagmorgen, das angekündigte schöne Wetter in den Alpen zu genießen. Ich packte kurzerhand meine Sachen, fuhr nach Grainau und fand sofort ein Zimmer. Der Wanderweg zum Eibsee führte direkt an der Pension vorbei, sogleich lief ich los. Am Anfang war es ein breiter Weg, geräumt, rechts und links lag hoher Schnee. Doch dann stand ich plötzlich vor einer Schneewand. Ein Schild zeigte in den Tiefschnee - zum Eibsee-Rundweg. Nun war die Frage: Umdrehen oder der einen Spur durch den Tiefschnee folgen? Endlich konnte ich meine ungestillte Sehnsucht nach Freiheit durch Tiefschnee zu laufen, leben, was mir als Kind verboten war.

Mutig stapfte ich auf dieser Spur los. Welch große Freude, endlich frei zu sein. Diese Freude trug mich ein großes Stück, gleichzeitig war jeder Schritt anstrengend in dem kniehohen Schnee und hin und wieder knickte ich um. Dazu meldeten sich die Zweifel, einfach einer Spur zu folgen, wo ich nicht wusste wohin sie mich führen wird. Die Spur bog ab, nun fühlte es sich nicht mehr stimmig für mich an, hier weiter zu gehen. Was nun? Ich prüfte mehrmals bis ich genau spürte in welche Richtung meine Intuition mich leitete und bis ich genügend Mut aufbrachte, um der grenzenlosen Freiheit durch die wundervolle unberührte Schneelandschaft zu folgen. Mit jedem Schritt spurte nun ich einen Weg durch den unversehrten glitzernden Schnee. Dies war noch anstrengender, da ich teilweise bis zu den Oberschenkeln im Schnee versank. Ich wollte wissen wie spät es ist, sah auf mein Handy und sah nichts – kein Empfang! Meine vermeintliche Sicherheit, damit kann ich Hilfe holen, war weg. Sofort zeigten sich alle Ängste und hatten leichtes Spiel mit mir. Die größte Angst war: Wenn ich so umknicke, dass ich nicht mehr laufen kann, dann sterbe ich hier! Nun fing ich auch noch an mit mir zu hadern, bis ich irgendwann an den Punkt kam, an dem ich bereit war, die Situation so anzunehmen, und wenn es so sein sollte auch zu sterben. Jetzt ging ich ganz langsam Schritt für Schritt noch achtsamer, um bloß nicht umzuknicken was sich in diesem tiefen Schnee nicht vermeiden ließ. Bei jedem Umknicken zeigte sich die Todesangst sofort wieder und jedes Mal sagte ich erneut Ja. Und trotz alle dem genoss ich diese herrliche unberührte Schneelandschaft, dies übte einen ganz besonderen Reiz auf mich aus – Freiheit pur. Ich fühlte die Pionierin in mir.

Allmählich schwanden meine Kräfte. Inständig bat ich die höchste Instanz um Unterstützung den Eibsee auf dem kürzesten Weg und heil zu erreichen. Gleichzeitig begleiteten mich auf der einen Schulter, die Angst nicht am Eibsee anzukommen und auf der anderen Schulter die Freude. Nach einiger Zeit mit den Auf und Ab‘s dieser Gefühle erblickte ich den Eibsee und einen geräumten Weg, wow dies gab neue Energie, Erleichterung pur und überschäumende Freude! Dankend genoss ich es, wieder auf dem geräumten Weg zu laufen. Der Weg stieg immer weiter an und ich erreichte ein gemütliches Cafe. Hier legte ich eine Verschnaufpause ein, trocknete mich ein wenig und stärkte mich für den Rückweg. Viel Zeit bis zur Dämmerung blieb mir nicht, da die Tiefschneewanderung ziemlich gedauert hatte. Mein größter Wunsch war jetzt, dass mich jemand mit dem Auto mitnimmt.

Als ich das Cafe verließ, war kein Auto unterwegs. So ging ich den Gehweg an der Straße entlang, auf dem eine Familie mit 3 Kindern rodelte. Da ich nicht gerne bergab laufe und dann noch auf einer „Rodelbahn“ hatte ich hier die nächste Herausforderung. Nichts mit Entspannung sondern langsam Schritt für Schritt und achtsam, doch dies war kein Vergleich zu vorher. Wieder bat ich, dass irgendwie Hilfe kommt, um mich zu meiner Pension zu bringen. Langsam war meine Abenteuerlust mehr als gestillt und ich war ziemlich k.o.

Es begann zu dämmern und jetzt endete auch noch der Fußweg an der Straße. Der Weg teilte sich und führte in den Wald oder oberhalb am Waldrand entlang. Kurz vor dieser Weggabelung parkte die Familie ihr Auto und lud ihre Schlitten ein. Ich lief fühlend auf die Weggabelung zu und bat, den kürzesten Weg zur Pension zu finden. Als ich auf eine Antwort wartend da stand, kam der Mann der Familie und bot mir an, sie nehmen mich in ihrem Auto mit. Dankend nahm ich das Wunder an. Wir fuhren mit 6 Personen im Ford Fiesta bis vor die Tür der Pension. Die Familie verabschiedete mich mit Gottes Segen.

Diese Wanderung brachte mich tiefer zu mir, in mein Vertrauen und zeigte mir meine Kraft. Meine Quintessenz: Freiheit fordert alles, sprengt Grenzen, lässt wachsen und Wunder geschehen.

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am 31.07.2019