Baustellen ChaosBaustellen-Chaos von Nuriama Lichtenstein

„O Gott, worauf haben wir uns eingelassen!“ Diese erschöpfte Frage stand immer mal wieder im Raum in den Jahren 2008 /2009.

Alles, aber auch wirklich alles schien ein einziges drunter und drüber: Abgesehen von ein paar Klamotten standen all unsere Sachen irgendwo in unserem gekauften riesigen Haus unter bzw. hinter Plastikfolie. Überall Kalkstaub, offene Wände, ein offenes Dach, Schutt, Steine und Abfallholz, Plastikfolien, Baustellen-Müll – und natürlich jede Menge Materialien für den späteren Neuaufbau. Dazwischen ein Gewusel verschiedener Handwerker, die immer noch mehr Chaos produzierten. Zeitweilig konnte man kaum treten, ständig wurde irgendetwas hin und her geschoben oder getragen…

Zugegeben: Das Abreißen machte auch Spaß! Zu sehen, wie einengende Wände verschwinden, wie sich ein ganzes Stockwerk in einen durchgehenden Raum verwandelt, wie alte Strukturen und Ordnungen in einem Haufen von Staub und Bauschutt untergehen und plötzlich Platz, Freiraum und Luft entstehen - das hatte etwas unglaublich Kraftvolles und Befreiendes!

Und nun? Immer wieder wegräumen, so gut es geht. Immer noch das Vergangene wegschaffen, containerweise. Und gleichzeitig, ganz langsam, beginnt der Neuaufbau. Ging das Abreißen noch ganz schnell, so zieht sich nun der Neuaufbau Monat für Monat hin, das Chaos will nur langsam weichen.

Vorausgegangen war eine Vision. Die Vision eines Hauses voller Licht und Offenheit, mit runden Ecken und atmenden Wänden, einladend und heilsam für uns und viele andere Menschen. Diese Vision wollte jetzt eine klare Gestalt annehmen. Natürlich gab es einen Plan, doch der veränderte sich ständig während der vielen Monate... Immer wieder neu wollte genau gespürt werden, wie diese Wand stehen soll, wie groß das Bad werden soll/will, wie es sich stimmig anfühlt… Heute sehe ich ganz klar: Es brauchte die lange Zeit des achtsamen Wachsens und Reifens. So konnte aus dem Chaos ganz lebendiges etwas entstehen, das uns und unserer Vision entspricht.

Diese Baustellenerfahrung ist für mich zu einem Sinnbild von „Stirb und Werde“ geworden:
Eine bestehende Ordnung, die keine Kraft mehr hat, ist relativ leicht zu zerstören. Das dabei entstehende Chaos ist ein notwendiges Durchgangsstadium, das es auszuhalten und gleichzeitig freudig anzunehmen gilt. Denn hierin wird die Kraft frei, um- in achtsamer Weise - die innewohnende Vision in einem lebendigen Erschaffensprozess in eine passende Form hinein „gebären“ zu können. Es hat sich als sehr hilfreich erwiesen, wenn ich den Fokus während der ganzen Zeit so gut wie möglich auf meiner Vision halte – so freudig und zuversichtlich wie möglich!

Und so wandelte sich der Stoßseufzer auch regelmäßig wieder in ein Staunen darüber, dass unter unseren Händen tatsächlich Stück für Stück ein neues, wunderbares Haus mit heilsamen Räumen Gestalt angenommen hat!

Nuriama

Nächste Heftthemen

Ausgabe 16 - 01.06.2019
Klang
----------------------
Redaktionsschluß
und Anzeigenschluß
am 03.05.2019