Reich beschenkt - Ayla

Am Telefon sprach eine forsche, jung klingende Stimme: „Guten Tag, ich habe in der Zeitung von der SeelenFähre* gelesen. Mir gefällt diese Idee so gut. Ich möchte, dass Sie auf meiner Beerdigung singen.“ Sie klang so entschieden und es wirkte auf mich, wie wenn das das normalste auf der Welt wäre. Wir verabredeten uns. Ich fuhr Richtung Neumünster und fand eine freundlich lächelnde Dame, die mir erzählte, sie sei 87 Jahre alt, habe Krebs und möchte in dieser Situation gerne vorsorgen. Sie wolle ihre Beerdigung mit mir planen und alles regeln, dann fühle sie sich freier. Sie wäre sich bewusst, dass sie mit diesem Wunsch von einigen Menschen, auch aus ihrer engen Verwandtschaft, seltsam angeschaut wird, aber es wäre ihr sehr wichtig. Da sie keine kirchliche Beerdigung wollte, organisierte sie alles selbst. Sie hatte schon Texte ausgesucht und als Sprecher 2 Enkel und ihren Sohn gefragt und „engagiert“, sowie eine Trauerrednerin. Auch mit dem Bestatter hatte sie schon Kontakt aufgenommen. Nun fehle ihr noch die Musik. Da sie selbst früher gerne im Chor gesungen hatte, müsse unbedingt bei ihrer Beerdigung gesungen werden. Ich sang ihr einige, sehr unterschiedliche Lieder vor, und nach jedem sagte sie: „oh ja, das nehmen wir“. Schnell hatten wir genug Lieder beisammen. Ich begann im Gespräch, den Ablauf ihrer Beerdigungs-Zeremonie aufzuschreiben, und als ich ihr das ganze nochmal vorlas, sagte sie voller Begeisterung: „Oh wie schade, dass ich da nicht mehr dabei sein kann!!!“ Ihre Augen leuchteten. Sie wollte den Ablauf mit ihrem Bestatter absprechen und sagte dann: „Ich bin so erleichtert, und wie ich mich freue auf meine Beerdigung! Ich fühle mich reich beschenkt!“ Ganz heiter und voller Hochachtung für die leichte und humorige Entschiedenheit der alten Dame fuhr ich nach Hause, ich fühlte mich reich beschenkt!

* Die SeelenFähre ist eine Art Chor, der u.a. auf Beerdigungen singt