Das Gute in uns HGDas Gute in uns von Nuriama Lichterstein

Neulich hörte ich im Radio eine Sendung über Fritz Kolbe, einen „kleinen“, unauffälligen Vorzimmerbeamten im Außenministerium während der letzten Kriegsjahre. Er hatte u.a. die Aufgabe, Papiere wegzuheften oder ggf. zu vernichten. Diese Papiere hatten es in sich: Viele waren hochbrisante Meldungen über internste Vorgänge und Planungen der Nazi-Obersten. Fritz Kolbe wollte nichts mehr, als dass die Nazidiktatur endlich ein Ende nähme und erkannte, dass er dazu beitragen könnte. Nach außen weiterhin völlig unauffällig, gelang es ihm, bei dienstlichen Fahrten in die Schweiz von 43 bis 45 dem US-Geheimdienst heimlich mitgeschmuggelte Papiere zu übergeben. Er hatte Glück und wurde nicht erwischt. Nach Ende des Krieges allerdings zerschlug sich seine Hoffnung auf eine Beteiligung am Wiederaufbau eines besseren Deutschlands schnell: Im Auswärtigen Amt saßen immer noch dieselben hohen Beamten wie vorher und für sie war er nur ein Verräter. Niemand in Deutschland hat Fritz Kolbe seinen Einsatz gedankt, erst lange nach seinem Tod und ist seine Geschichte ist durch ein Buch eines Franzosen(!) ans Licht gekommen und er wurde in die Liste der Widerstandskämpfer aufgenommen.
Für mich ist Fritz Kolbe ein leuchtendes Vorbild: Er hat den Ruf des „Guten in uns“ vernommen und ist ihm bedingungslos gefolgt. Nicht um Anerkennung ging es ihm, sondern er tat einfach, was er tun musste, weil er die Möglichkeit dazu hatte. Umsichtig und mutig nutzte er die Chance, die ihm durch das Leben gegeben wurde.
Ebenso wie der Opa einer Freundin, der während derselben Zeit im Ruhrgebiet in einer Zeche arbeitete. Halb verhungerte und entkräftete Kriegsgefangene wurden damals tausendfach gnadenlos als Zwangsarbeiter*innen bei schwerer körperlicher Arbeit verheizt. Der Opa konnte nicht tatenlos zusehen: Frau und Tochter wurden beauftragt, jeden Tag Extra-Brote zu schmieren, die er dann heimlich an die Gefangenen verteilte. Als der Lebensmittel-Laden ausgebombt wurde, wurden sie hingeschickt, die nächsten Extra-Brote zu sichern. Auch er antwortete dem Leben aus diesem tiefen Bereich in unserem Inneren heraus, in dem wir alle miteinander verbunden sind und das eigene Wohl untrennbar mit dem Gemeinwohl verwoben ist.

Zigtausende solcher „stiller Held*innen“ gab es in Deutschland damals und ich bin dankbar dafür, dass ich mich heute damit verbinden kann. So viele Jahre habe ich mich geschämt, Deutsche zu sein, hat mich das Nazi-Erbe belastet. Verantwortung zu tragen schien immer nur zu heißen: Die Schuld nicht zu leugnen, sie immer bewusst zu haben, niemals zu vergessen, damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann.
Jetzt sehe ich Verantwortung für die deutsche Geschichte anders: Wie schön ist es, all diese mutigen Menschen zu würdigen. Wie nährend ist es, ihre Geschichten als inspirierende Vorgaben zu nehmen, was alles möglich ist, wenn wir aus dem unzerstörbaren Guten in uns leben und handeln! Wenn ich mein Herz öffne und mich berühren lasse, so wie es 2015/16 Tausende von Menschen taten und Hunderttausende Flüchtlinge willkommen hießen.
Verantwortlich zu handeln ist eine Wahl, die ich zu treffen habe. Egal, ob es um kleine oder große Dinge geht, ob es jemand mitbekommt oder nicht, ob es etwas bewirkt oder scheinbar nicht – die Frage ist, ob es mir gelingt, integer zu bleiben und diesen speziellen Moment zu ergreifen, in dem ich meinen Ruf höre: Jetzt bin ich gefragt, jetzt bin ich dran, für das Gemeinsame, für uns alle etwas zu tun. Weil ich das in diesem Augenblick tun kann. Es ist mein Job, es ist meine Verantwortung. Ich hoffe sehr, dass ich diese Momente erkenne - immer wieder neu.

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