Scherben
Verantwortung oder Scherben bringen Glück von Angelika Vollbrecht s.c.j.

Plötzlich klirrte es. Der Teller lag zerbrochen am Boden. Upps. Passiert. Nicht rückgängig zu machen. Mein Vater beugte sich über mich. Ich war noch sehr klein. Ich schaute ihn an. Er sah meinen Schreck und meine Ratlosigkeit. Er lächelte. „Na, hast Du Dich erschreckt?“ Ich nickte stumm. Bevor ich noch etwas sagen konnte, nahm er mich sanft bei der Hand und führte mich zu Kehrschaufel und Handfeger. Gemeinsam kehrten wir die Scherben auf. Ich war ganz still. Der Teller wird jetzt fehlen. Mir traten Tränen in die Augen. Mein Papa nahm mich auf den Schoß. Wiegte mich. „So etwas passiert manchmal. Wir haben noch genügend Teller.“ „Aber es war der Goldrand-Teller von Oma!“, platzte es aus mir raus. Ich schluchzte laut. Mein Papa hielt mich und wiegte mich weiter langsam hin und her. Hin und her. Die Zeit schien stillzustehen.

Kasten? Der Dalai Lama sagte: „Menschen wurden geschaffen, um geliebt zu werden. Dinge wurden geschaffen, um benutzt zu werden. Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet, ist: Dinge werden geliebt und Menschen benutzt.“

Ist es nicht schön, wie mein Vater sofort die Verantwortung übernahm? Er sah mich, sah die Situation. Er blieb stark. Er nahm sich Zeit. War mein Halt, meine Stütze. Er zeigte mir, wie ich mit dem Geschehenen verantwortlich umgehen kann. So einen Menschen wünsche ich allen Kindern. Einen Menschen, der Fehler machen erlaubt. Der sich selbst aber auch erlaubt, Fehler zu machen und dazu zu stehen. Fehler als Erfahrungen betrachten. Als Chance, gemeinsam einen guten Weg zu finden.

Gemeinsam. Die Erfahrung mit dem zerbrochenen Teller hat sich mir eingeprägt.

Mein Vater wusste, dass keiner allein die Verantwortung für die Erziehung eines Kindes trägt. Die Ärzte/Hebammen, die Kindergärtnerinnen und Lehrer, die Nachbarn, die Bekannten und Freundinnen stehen mit in der Verantwortung. Unser jetzt 17jähriger Sohn profitiert/e sehr von unser aller Wissen. J

Als medizinische Fachangestellte sehe ich täglich, dass keiner allein die Verantwortung für die Gebrechen seines Körpers trägt. Die Gene, die Luftverschmutzung, die Sauberkeit des Wassers, die sozialen Kontakte, die Wohnsituation und sicher vieles mehr hat auch Einfluss!

Der Ausspruch „Der Patient ist sein Arzt und der Arzt ist sein Helfer“ soll schon uralt sein und sagt mir, dass die Verantwortung im Miteinander von Arzt und Patient und deren Umgang oder auch Offenheit mit den äußeren und inneren Umständen liegt.

Aus meiner Sicht tragen wir alle die Verantwortung für den Frieden in der Welt. Ich wünsche ihn mir so sehr und ich denke, wir können in dem Moment zum Frieden beitragen, wenn wir gut zu uns selbst sind oder wenn wir von unserem Überfluss abgeben, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Da kann ich mich dann auch über den nicht-gemähten Rasen der Nachbarn freuen, denn sie sind gut zu sich. Und ich frage erst dann, ob meine Nachbarn Unterstützung möchten, wenn ich bereit bin, diese von Herzen und ohne Erwartungshaltung/Rückforderung zu geben!

In meinen Augen geht es bei der Verantwortung, die wir – als ERWACHSENE – tragen, immer auch um Balance, um Gleichgewicht oder Ausgleich. Damit ich in Balance bleibe, ist es mir wichtig, mit anderen Menschen verbunden zu sein. Gemeinsam trägt sich Verantwortung leichter.

Der Teller war zerbrochen. Mein Vater zeigte mir einen praktikablen Weg, verantwortlich damit umzugehen. So möchte ich heute, dass Verantwortung wirklich geteilt wird, dass Scherben wirklich Glück bringen…und dass Sie und ich die Verantwortung für die imaginären Scherben in unserer Welt übernehmen. Gemeinsam.


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