Was für eine Zeit!  -  Nuriama Lichterstein im Gespräch mit Monika Enghusen

Monika EnghusenMonika Enghusen betreibt gemeinsam mit ihrer Tochter einen Naturfriseurladen, gut eingeführt und mit vielen Stammkund*innen. Im März 20 kam der 1. Lockdown.

N: Wie war es für dich im März 2020?

M: Ich dachte immer nur: Das glaube ich jetzt nicht, die können mir doch nicht einfach meinen Laden zumachen. Das gab es in meinem Leben noch nie, dass mir jemand das Arbeiten verboten hat! Da war so ein riesiges Unverständnis in mir. Die Arbeit, die so wichtig ist, durch sie erfülle ich mir meine Wünsche, mein Leben – und nun ist mir das genommen!

Oh Gott – alles Glauberei!
Dann habe ich angefangen, mich selbst zu hinterfragen. Ist da wirklich so? Alles, was ich bis dahin geglaubt habe, fiel in sich zusammen. Dass ich arbeite, um mir mein Leben zu erfüllen. Durch die Arbeit habe ich ein schönes Zuhause, ich habe Freizeitaktivitäten, ich hab ein Auto – das war meine Erfüllung. Ich habe tolle Kinder, eine sinnhafte Arbeit… und auf einmal war da Stillstand. Ich merkte, es kann auch alles ganz anders sein.


N: Es kann im Äußeren anders sein – kann es auch im Innern ganz anders sein?

M: Ja, es kann ein anderer Glaube dahinter sein. Ich fragte mich: Geht es im Leben darum, was ich glaube? Ich habe so bedingungslos geglaubt. Es hat mich nichts aufhalten können bis zu diesem Zeitpunkt. Jetzt war in mir immer nur „Oh Gott, alles Glauberei“. Wir kommen auf die Welt, dann sind da die Einflüsse von Eltern usw. – und dann glauben wir eben das, was wir gelernt haben. Vielleicht ist diese Zeit dafür da, um zu reflektieren und zu gucken, was wir eigentlich sind. Was ist denn eigentlich normal? Ich bin ja sehr mit der Natur verbunden. Gibt es vielleicht einen Unterschied zwischen „normal“ und „natürlich“?

Mir kommt es so vor, dass wir inzwischen auch wie so Klicks im Computer funktionieren. Vielleicht sollten wir einfach wieder zum menschlichen, natürlichen Empfinden zurückkehren. Vieles ist zurzeit wirklich angenehmer: Nicht so viel Hektik beim Einkaufen z.B. oder Zuhause sein und einfach gucken: Was machst du denn jetzt? Im Garten wühlen, mit dem Hund gehen… Entschleunigen – plötzlich geht es…

Die Lösung liegt in der Akzeptanz
Dann durften wir wieder arbeiten, aber es war anders, viel mehr Distanz durch Maske und Abstand. Viele Kund*innen kenne ich schon ganz lange, da hat man sich auch mal umarmt, was nun unerwünscht war. Das fehlte mir, denn da geht es doch auch um Berührung. Aber mit der Zeit gewöhnten wir uns , es ist nur ein wenig anders geworden, eben „ das neue Normal“. Und dann kam der 2. Lockdown. Das reißt einem fast den Boden unter den Füßen weg, zumal die versprochenen Hilfen nicht kommen. Da kamen schon Protest und Trotz hoch und Gedanken wie „Dann fang ich einfach trotzdem wieder an zu arbeiten“. Das dann immer wieder auszuhalten, sich neu zu ordnen – eigentlich von Tag zu Tag – das ist schon herausfordernd.

N: Was hat dir geholfen?

M: Mein Schlüsselsatz war lange „Die Lösung liegt in der Akzeptanz“.
Ich hab mir gesagt: Nun guck doch mal, was hat diese Zeit auch Gutes? Erstmal die Erkenntnis, es ist wieder ruhiger geworden. Dann haben wir überlegt, was wir machen können: Fensterverkauf unserer Naturprodukte bzw. Pakete verschicken, Telefondienst dafür machen. Und dabei habe ich auch intensivere Gespräche geführt, was war auch für mich gut war. Viele Menschen sind einsam zuhause und froh, mit jemandem zu reden.

Dann hab ich gelesen, was ich lange nicht gemacht habe, mich auch über andere Sichtweisen informiert, was ich sehr interessant fand. Dabei machte ich auch die Erfahrung, dass man schnell in eine Schublade gesteckt wird als Querdenker, nur weil man sich auch für andere Menschen und deren Beweggründe interessiert…
Ganz wichtig wurde für mich der Austausch mit Kolleg*innen in Zoom-Meetings, im Wald, beim Lagerfeuer. Ich dachte nur: Wow, was für ein Leben, was auch in dieser Zeit möglich ist! Daraus entwickelte sich bei mir Neugier – was geht denn da eigentlich noch an anderem Leben? Ich hab die Natur wiederentdeckt, Spaziergänge mit meinem Hund gemacht – morgens, mittags, abends, nachts… Man trifft dabei unterschiedliche Menschen und das hat auch eine Qualität. Das ging so lange nicht, weil ich in meinem Arbeitsfluss immer dachte „Ich muss dies noch machen, Überstunden machen, ich muss, ich muss…“ Und plötzlich merkte ich „Nöh – ich muss – das brauche ich nicht mehr!

Kein Druck mehr!

M: Ich beschäftige mich jetzt damit, was ich noch machen möchte in meinem Leben, wozu ich noch Lust habe. Eine Kollegin hat mich eingeladen, in einer Online-Veranstaltung einen Vortrag zu halten. Ja, das ist schön, auch mal so etwas zu machen, mich auch mit Zoom zu befassen, was ich vorher eher abgelehnt habe. Jetzt denke ich, es sind ja so viele Dinge möglich, neue Ideen, wie meine Arbeit aussehen kann. Jetzt ist mein Leitsatz: Das Gute bleibt, das Schlechte darf gehen“.
Das Schlechte – das ist vor allem der Druck, den ich mir durch meine Glauberei selber gemacht habe. „Ich muss das jetzt noch machen, muss früher anfangen…, damit ich existieren kann“. Nee, das hab ich jetzt gemerkt – es wird weitergehen. Das waren tiefe Prozesse, durch die ich hindurch musste. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen wird – aber es gibt keine Antwort, ohne wieder in irgendeine Glauberei abzustürzen. Deshalb denke ich: Einfach mal gucken, menschlich sein, Freude haben, Spaß haben. Druck fühlt sich nicht gut an. Wenn wir nicht ständig an die wirtschaftliche Seite denken, brauchen wir eigentlich sehr wenig.

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