Lieber Onkel Herbert!  Angelika Vollbrecht

Ich besuche Dich heute zum vorerst letzten Mal. Wir fahren in den Urlaub.

Es fällt mir schwer, dies zu schreiben.

Ich bin wütend auf mich selber, dass ich Dich erst jetzt, also vor 14 Tagen das erste Mal, besucht habe.

Deine Zimmernachbarin sagte mir, dass vor einem Jahr alles noch ganz anders war.

Beim letzten Besuch bekam ich von den Pflegern Kakao und Himbeerjoghurt für Dich. Doch nach jedem Löffel, nach jedem Schluck hustetest Du.

Ja, Husten reinigt. Husten ist gut. Husten bewegt Dich. Kräftigt Deine Muskeln.

Und ja, Husten ist anstrengend. Da hast Du dann den Mund einfach nicht mehr geöffnet. Deine Augen hast Du geschlossen.

Deine Augen, Deine früher so blitzenden und fröhlichen Augen – 15 Minuten hat es gebraucht, bis Du sie wieder geöffnet hast.

Ich hätte Dich „wecken“ können. Mit lauterem Sprechen, mit Rütteln und Schütteln. Ich tat es nicht. Es liegt mir nicht. Fühlt sich falsch an. Ich bin eine Stunde bei Dir. Eine Stunde. Und dann wartest Du 167 Stunden. Liegst fast reglos in Deinem Bett, starrst an die cremefarbene Wand, hörst die Schritte und Stimmen auf dem Flur. Der Fernseher läuft. Bekommst Deine Waschungen, Deine Windeln, Dein Essen, Dein Umlagern, Deinen Besuch.

Mein Besuch, so dachte ich vor drei Wochen, solle Dir gut tun.

Ich habe Dich also gestreichelt. Dir ein Lied vorgesungen. Das Lied endet mit einer Frage. Ich wollte wissen, wieviel Geistesgegenwart noch in Dir ist. Vor rund 35 Jahren hast Du mich mit Deinen Besuchen bei Deiner Cousine – meiner Mama – immer glücklich gemacht. Deine freundliche, zurückhaltende Art. Und Deine Aufmerksamkeit, Dein Lächeln, Deine Anerkennung, wenn ich aus der Schule berichtete. Natürlich freute ich mich auch über Deine Mitbringsel. Kunstvolle Schaumzuckertorten aus Hamburger Speck, weißen Mäusen und Gummibärchen.

Ach, lieber Onkel Herbert. Ich weiß so wenig von Dir. Kennst Du das Lied von Paola überhaupt? Kannst Du die Frage beantworten oder wenigstens die Melodie mitsummen? „Man kann es nicht hör’n, man kann es nicht seh’n; es tut oft weh und es ist doch schön; es ist kein Wein, doch es geht ins Blut und es tut, es tut so gut! Es ist kein Gold, doch es macht reich; ein Herz aus Eisen wird davon weich; es ist kein Feuer, aber es brennt; sag mir wie man das nennt.“

Heute besuche ich Dich zum vorerst letzten Mal. Ich war letztes Mal überrascht, Dich im Rollstuhl zu sehen, am Fenster im Sonnenlicht, bin glatt an Dir vorbeigelaufen. Und die Stoff-Giraffe, die ich Dir mitbrachte, hast Du nicht losgelassen.

Womit wirst Du mich diesmal überraschen? Wirst Du das Wort aussprechen, wenn ich singe „... sag mir, wie man das nennt.“? Es würde mich sehr freuen.

Ich bin traurig, erst so spät den Mut gefunden zu haben/erst so spät „Besuch doch mal Onkel Herbert“ umgesetzt zu haben. Es ist schwer!

Und gegen die Umstände – zwei Pfleger geben beim Kaffee auf acht Personen gleichzeitig acht, Angehörige drohen mit dem Anwalt bei schlechter Pflege, lange Laufwege und andere „System-Fehler“ komme ich nicht an.

Bekomme ich heute ein Zeichen von Dir, dass Du auch 140 Jahre alt werden möchtest? Werde ich mich auf ein Wiedersehen freuen? Könnte ich mit Anderen zusammen Ideen für ein anderes „System“ entwickeln?

Möchte ich mich engagieren oder brauche ich selber Kraft?

Ich danke Dir, Onkel Herbert, für Deine Gegenwart. Und es tut so weh.

Deine Angelika

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