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LichtSeiten 13 - Thema Tod und Sterben

tod und sterben - swami amanojas

als ich kind war, vielleicht so vier oder fünf jahre alt, standen meine mutter und ich an der bushaltestelle, hinter der sich ein kaufhaus mit kugelsicheren schaufenstern befand. eine nachbarin, frau p., ersetzte mir zu der zeit die großmutter. Frau p. hatte einen schwerkranken bruder.

als meine mutter beiläufig erwähnte, „frau ps. bruder stirbt“, fiel mein blick auf eine stelle im schaufenterglas, die wohl ein hammer oder pflasterstein getroffen haben musste, denn sie war voller risse und splisse, und so verschmolzen wort -stirbt- und diese -risse- im glas zu einer einheit und prägten sich tief in mein kindliches bewußtsein ein.

der nächste todesfall war dann jahre später meine großmutter, die friedlich einschlief sowie ein nachbarjunge, der einen tödlichen mofaunfall erlitt.

in beiden fällen, durfte ich die leiche nicht sehen. und mit dem tode meiner großmutter verbinde ich ein muffiges krankenzimmer im altbau unserer städtischen klinik und eine noch muffigere kleine friedhofskapelle.

mein erster hautnaher kontakt mit dem tode erfolgte 1982, da war ich praktikant in ebendieser klinik auf der inneren intensivstation. wir hatten einen schwerkranken patienten hoch in den achzigern, den die ärzte leider noch mit elektroschocks behandelten, anstatt in friedlich einschlafen zu lassen. 

da wurde ich zum ersten male bewusst und als erwachsener mit trauer und verzweiflung konfrontiert. zuvor als kind hatte ich nur die trauer meiner mutter wahrgenommen, als ihre mutter, meine großmutter, gestorben war, und ich als kind war hilflos, denn ich konnte sie nicht trösten.

hier nun hatte ich links die tochter und rechts den sohn des sterbenden alten herren im arm und meine offizielle aufgabe als praktikant lautete - trösten.

der mann war trotz aller sinnloser ärztlicher bemühungen, die ihm das sterben sicher nicht erleichtert haben, gestorben, und ich, der ich noch nie eine menschliche leiche gesehen, geschweige denn berührt hatte, ging zu meiner stationsschwester und brachte eine mir ungewöhnlich erscheinende bitte vor.

darf ich den verstorbenen sehen und berühren? so, nun war es heraus. die schwester runzelte irritiert die stirn, überlegte einen kurzen moment und nickte dann.

jetzt kam für mich der große moment, und ich meine das ernst und feierlich. meine erste menschliche leiche. kalt und blass lag er da, der alte herr, etwas würdevolles lag in seinen gesichtszügen, ein wenig wie schlafen und doch ein wenig mehr, haut eiskalt, die wangen und augen eingefallen, die nase spitz und blaß. ich war tief berührt! das also war der tod.

wann immer nun während meines zweimonatigen praktikums menschen starben, durfte ich sie danach von allen schläuchen, pflastern und medizinischen geräten befreien, ihnen die augen schließen, mit feuchten wattebäuschen beschweren, und das nach dem letzten ausatmen herabgesunkene kinn vorsichtg hochbinden.

die angehörigen, die sich von ihren liebsten verabschieden wollten sollten in keine gebrochenen augen und keine geöffneten münder schauen müssen. 

dann kam der zweite und für mich noch weitaus bedeutendere schritt. hatte ich dem tod als tatsache jetzt schon einigemmale begegnen dürfen, so ging es jetzt darum, sterbende menschen, die keine angehörigen mehr hatten, während des sterbevorganges zu begleiten.

da saß ich nun also mit meinen 21 jahren am bett von menschen, die ihren letzten irdischen weg gingen. wer schon einmal eine wachsfigur, so täuschend lebensecht sie auch ausschauen mag, gesehen hat, kann nachvollziehen wie in dem moment, da im letzten ausatmen das leben den körper verlässt, aus einem menschen im bruchteil einer sekunde eine solche wachsgestalt wird.

doch als ich dieses wunder zum ersten male hautnah erleben durfte, das wunder des lebens, das sich aus einem menschlichen körper zurückzieht, da war es ein moment der andacht und tiefster stille.

noch einigemale habe ich in diesen zwei monaten sterbenden menschen bis zum tode beistehen und ihre hand halten dürfen, und immer wieder kam diese andacht, diese stille über mich.

wir werden geboren, wir atmen ein! wir sterben, wir atmen aus! im altindischen im sanskrit heißt die seele -atman- klingt das im indogermanischen nicht wie das deutsche -atmen-?

wir werden geboren, wir sterben, dazwischen ist ganz viel l e b e n .

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LichtSeiten 10 - Thema Engel

Lasst Engel sprechen von Renate Schley

Wenn brennende Himmel
den Felsen begegnen
wer wird dann den Engel
des Mondscheins segnen?
Lasst Engel in allen Sprachen
sprechen
und ihre Flügel singen
damit wir Menschen mit ihnen
schwingen.

Copyright: Renate Schley 2017

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Freiheit
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Redaktionsschluß
und Anzeigenschluß
am 03.11.2018